wüste orange wüste

„wüste orange wüste“
Acryl auf Leinwand, 100 x 520 cm, 2000

Ilona Lenk

Farbe und Bild

“Farbe” und “Bild”, zwei Begriffe, die mit der Malerei von Ilona Lenk untrennbar verbunden sind.

Was bedeutet ihr die Farbe und welche Möglichkeiten und welche Grenzen setzt sie dem Bild oder besser dem Bildträger? Sind die Grenzen zwischen dem Betrachter und dem Bildträger streng reglementiert oder sind sie fließend? Der Titel dieses Kataloges, Laufend Bilder moving pictures, gibt dazu schon eine erste Antwort. Die Bilder bewegen sich, sind durch keinen Rahmen eingegrenzt und die Leinwand wird durch ihre Bewegung zu einem eigenen Element des Werkes, neben Blindrahmen und Farbe.

Farbe ist, so das Lexikon, eine Gesichtsempfindung, die als Ergebnis einer Lichteinwirkung auf das Auge entsteht und von physiologischen und psychologischen Faktoren begleitet und beeinflußt wird. Die menschliche Farbwahrnehmung bereichert die Beziehung zur Umwelt auf spezifische Weise, indem die Gestalt-, Größen- und Raumwahrnehmung durch die besondere Eigenschaft des Farbigen differenziert wird.

Die vorherrschenden Farben im OEuvre Ilona Lenks sind die beiden Pole Weiß und Grau, das bis ins fast Schwarz tendieren kann, und deren Wirkung als kühl oder neutral zu bezeichnen ist. Als Gegensatz dazu, die sehr energiegeladene Farbe Orange. Orange steht, wird die Weisheit chinesischer Philosophie bedacht, zwischen der Vollkommenheit des Gelb und der Macht und dem Glück des Rot. Orange ist die Farbe des Wandels und somit die Symbolfarbe für das Schaffen von Ilona Lenk als Malerin und Bühnenbildnerin.

Die monochrome Malerei Ilona Lenks ist die Auseinandersetzung und die Konzentration auf die Malerei an sich. Ilona Lenk läßt vor unseren Augen Farbkörper entstehen, deren Wahrnehmung als Körper und Farbe an sich und ihre Beziehung zum umgebenden Raum die Leistung und das Erlebnis des Betrachters sein muß. Von hier läßt sich direkt überleiten zu dem zweiten eingangs erwähnten Begriff, dem Bild.

Seit in unser Leben eine gigantische Bilderflut geradezu hereinbrach, setzte das Nachdenken über dieses Phänomen und Prinzip “Bild” ein. Der fast schon naiv anmutende Gebrauch dieses Begriffes in der Kunstgeschichte als Synonym für Malerisches und Graphisches hat kaum mehr etwas gemein mit dem interdisziplinären Gebrauch des Wortes “Bild”.

An dieser Stelle muß jedoch diese Andeutung genügen, welche Diskurse derzeit nicht nur in der Kunstwissenschaft dazu geführt werden.

Ilona Lenk beweißt jedoch mit ihrer Kunst, daß sich gerade aktuelle Künstler mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Ihr geht es zunächst nicht darum, etwas abzubilden, sondern sie beschäftigt sich mit dem Bildkörper. Diesem Bildkörper ist es möglich, in den Betrachterraum einzudringen, indem er die zweidimensionale Form sprengt. In großen Wellen bewegen sich die Bilder von der Wand auf den Boden oder stehen in kubischen Formen direkt auf dem Boden. Auch horizontale und vertikale Formen können sich auf der Wand überlagern und mehrschichtige Körper bilden. Der sie umgebende Raum wird mit in das Werk einbezogen. Die Werke visualisieren so die Raumwahrnehmung des Betrachters, indem die traditionellen Raumachsen im Bild aufgenommen werden oder sich das Bild ihnen widersetzt.

Selbst die Leinwand beginnt ein eigenes Leben, das sie zur dritten Kraft des Bildes macht. Nicht mehr straff gespannt und hinter Farbe und Grundierung verschwunden, sondern in opulente, weiche Falten gelegt, wird sie Teil des Bildkörpers. Das Bild bekommt durch die Falten der Leinwand eine besondere Dynamik und Bewegung, die sich sowohl zum nächsten Bildkörper als auch in den Betrachterraum hinein fortsetzt.

Doch neben dem sichtbaren Bildkörper ist dem Phänomen “Bild” eine weitere Projektionsebene inhärent. Bilder können Bilder im Betrachter hervorrufen, die weit über das Sichtbare hinausweisen. Ilona Lenk kann mit ihren Bildern Landschaften entstehen lassen. Die “Wellen”, “Schwarzes Meer” oder “wüste orange wüste” imaginieren die Sehnsüchte des Betrachters nach dem Meer oder der Wüste im gleissenden Sonnenlicht.

Doch Ilona Lenk geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie in ihren neuesten Arbeiten, “Ecce Homo” oder den drei jeweils siebenteiligen “Les Sept Dernières Paroles” Bezüge zu biblischen Motiven herstellt. Dabei bezieht sie sich nicht direkt auf die Bibel, sondern findet ihre Bilder über die musikalische Umsetzung von Joseph Haydn. Also werden die uns verbal überlieferten Bilder über die musikalischen Bilder Haydns von Ilona Lenk wieder in visuelle Bilder transformiert.

Hier schließt sich der Kreis zum Anfang und zum Titel des Kataloges laufend Bilder moving pictures. Im Kopf des Betrachters entstehen laufend, evoziert durch die Mehrteiligkeit der Arbeiten und die Verwandlung Ilona Lenks Bilder, moving pictures.


Doris Blübaum
Kunsthistorikerin, M.A.