
Ausschnitt aus der 10-teiligen Installation „everybody knows“, 2010. Nach einem Text von Leonard Cohen. 10 transparente Plexiglastafeln, Siebdruck weiß, jeweils 65 x 65 cm
Ilona Lenk
Everybody knows, dass Kunst immer einen unerklärbaren Rest hinterlässt, etwas was jenseits von und trotz kunstwissenschaftlicher Erklärungen ein Geheimnis bleibt. Wenn ich von der Kunst von Ilona Lenk spreche, bewege ich mich zunächst nachgerade auf naturwissenschaftlichem Pfade: ihre Kunst beschäftigt sich hauptsächlich mit dem sich gegenseitig bedingenden Dreigestirn Raum, Zeit und Bewegung. Eines ist ohne das andere weder denkbar, noch erlebbar, noch darstellbar.
Letzteres, das Darstellbare dessen, ist vielleicht das Schwierigste und eben dem versucht Ilona Lenk mit ihren Mitteln der Malerei beizukommen. In vielen Katalogen können wir ihren Weg mitverfolgen, Zeit, Raum und Bewegung erlebbar zu machen.
Der Betrachter, für den beim Betrachten von Kunst ja auch Zeit vergeht und er sich dazu im Raum bewegen muss, erlebt dies verstärkt, wenn er an den meist seriellen Arbeiten Ilona Lenks entlanggeht, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzen.
Am Beispiel von „La rançon“, einer großen Arbeit im öffentlichen Raum, kann man sehen wie Ilona Lenk sowohl in der Wahl der Materialien als auch in der Verknüpfung von Kunst und Poesie eine Freiheit gewonnen hat, die zugleich eine Leichtigkeit wiewohl eine große melancholische Tiefe besitzt.
Charles Baudelaire, der mit seinen Sonetten in den „Le fleur du mal“ (das Sonett „La rançon“ gehört zu diesen) eine einzigartige Verbindung eingeht von Poesie und Vergänglichkeit, muss zwangsläufig der Poet sein, dem Ilona Lenk mit ihrer Arbeit für den Campusplatz Morgenstelle der Universität Tübingen ein Denkmal setzen wollte. Der Wettbewerb, den sie für den Neubau des Zentrums für Molekularbiologie der Pflanzen gewonnen hatte, ein Institut, in dem man sich nicht zuletzt mit der Manipulation von Pflanzen beschäftigt, hat zum Thema 11 Sonette Baudelaires aus dem Gedichtband „Le fleur du mal“.
Diese 11 Sonette, in weiß gedruckt auf transparente Plexiglastafeln, schwarz hinterdruckt mit Baumsilhouetten, finden sich nun im Foyer des Gebäudes. Das Gedicht „La rançon“ (zu deutsch „Das Lösegeld“), lesbar auf dem Campusplatz in weiß auf schwarz auf einem 150 Meter langen und 70 Zentimeter breiten Mosaikpfad aus Marmorkieseln, erinnert daran, dass der Mensch für das, was er der Erde abverlangt und nimmt, ein Vielfaches wird zurückgeben müssen. Baudelaire ist selbst ein Großmeister der Verknüpfung von Raum – stets etwas friedhofshaft – , Bewegung – bohemienhaft träge – und Zeit – immer dem Jenseits zustrebend. In ihren neuen Arbeiten schafft es Ilona Lenk diese poetischen Raum-Zeit-Bewegungs-Konstrukte eines Baudelaire perfekt mit ihrer eigenen Bild-Welt mathematischer Ideen in Einklang zu bringen.
In vielen Jahren arbeitete Ilona Lenk ausschließlich auf Leinwand und ausschließlich mit den drei Farben Orange, Weiß und Schwarz, bisweilen Anthrazit; ihre selbstgewählte Aufgabenstellung war klar eingegrenzt.
In ihrer Farbauswahl ist sie möglicherweise noch strenger geworden, indem Orange nur noch selten eine Rolle spielt, in ihrer Aufgabenstellung dafür freier. Der öffentliche, der Landschaftsund Natur-Raum wird immer mehr zum Thema, ihm wohnt die Vergänglichkeit per se inne. Indem Ilona Lenk die Aufgabe der Vergänglichkeit, des Vergehens von Zeit, der Natur überlässt, kann sie die anderen Parameter viel freier behandeln.
„zero“ ist ein weiteres Projekt Ilona Lenks: sie gibt der Zahl Null ihre einzigartige Stellung in vielen Sprachen wieder. In der konkreten Kunst, der Ilona Lenk in Maßen zuzurechnen ist, muss die Zahl Null notwendigerweise eine große Rolle spielen.
Wenn Weiß dem Künstler die Form erlaubt, so erlaubt ihm die Null die Abstraktion. Sie aber ruht sich auf ihrem Axiom, dass sie nicht teilbar sei aus, und sowohl Mathematiker wie Künstler verbringen ihr Dasein damit, um ihr Sofa herumzuturnen um ihr Geheimnis zu lüften.
Nikolas Schmitt, Landartist und Poet
Übersetzung aus dem Englischen: Ilona Lenk