
„Die weiße Welle“
Dispersion auf Leinwand,
305 x 100 x 485 cm, 2000
Ilona Lenk
Räume
Jeder weiß spontan, was Raum ist: Innenraum, Außenraum, Wohnraum,
Weltraum, öffentlicher Raum, Klangraum, Kulturraum…..
Räumlichkeit ist die dritte Dimension.
Bei näherem Besehen stellt man fest, dass Räume von Materie
umgeben oder imaginär sind, Raum selbst jedoch nicht vorhanden
ist. Beispielsweise ist ein Wohnraum das Innere eines materiellen,
architektonischen Außen.
Der Raum selbst ist das Abwesende, das Dazwischen, der Hohlraum,
der von außen begrenzt ist. Das mit Raum gefüllte Behältnis
ist wiederum umgeben von Raum, vom unendlichen Raum, der
Hülle aller Dinge. Jeder Raum definiert sich aus seinen Begrenzungen.
Die sinnliche Wahrnehmung seiner Grenzen macht ihn als
Raum erfahrbar; wobei seine visuelle Wahrnehmung durch Hören,
Riechen und Tasten ergänzt wird. Für die Raumwahrnehmung ist
es unerheblich, ob die Grenzen des Raums aus durchgängig abgeschlossenen
Flächen oder aus Linien, Punkten oder Andeutungen
bestehen. Die Begrenzungen können immaterieller Natur sein und
einen Raum vorausahnen lassen. Er muss auch nicht notwendigerweise
klar abgegrenzt sein, sondern seine Grenzen können uneindeutig,
diffus sein, wie beispielsweise bei Licht oder Klang.
Neben der Raumdarstellung spielen Wünsche, Einbildungskraft,
Vorprägung und Erinnerung des Betrachters eine große Rolle.
Bewegung ist die Veränderung der Position im Raum. Erst durch
Bewegung wird Räumlichkeit erlebbar und verdeutlicht die Verschränkung
von Raum und Zeit. Bewegung, die tatsächliche und
die vorgestellte, erlaubt die Einschätzung von Größe und Dimension.
Unbestimmte Leere wird bestimmt.
Die Existenz des Weltraums ist vorstellbar durch das Vorhandensein
der Gestirne. Einerseits existiert zwischen ihnen und der Erde
Raum und Zeit, andererseits bedingt das Fehlen einer den Weltraum
abschließenden, materiellen oder immateriellen Begrenzung,
diesen ausschließlich theoretisch, wissenschaftlich erfassen und
definieren zu können. Die Infragestellung auch anerkannter Theorien
verdeutlicht die Schwierigkeit des Unterfangens.
Die Qualität des Raums ist das Spannungsverhältnis des Wahrnehmenden
zu den Begrenzungen. Texturen, Gestaltungen, Anordnungen,
Rythmen beeinflussen die Wirkung – Tiefe, Dichte und
Offenheit – des Raums.
Ein Bild kann in sich keinen Raum – auch keine Gegenstände –
erzeugen, es kann lediglich Abbild sein. Der Raum im Flächenbild
wird durch Hilfsmittel geschaffen. Darstellungen von Licht und
Schatten, Perspektiven, Wänden u.ä. bilden künstliche Grenzen
und Raumtiefen, in denen gedachte Bewegungen virtuelle, eingefrorene
Räume entstehen lassen.
Der virtuelle Raum ist der nicht existierende (Hohl-) Raum. Er entsteht
überall dort, wo seine Begrenzung vorgetäuscht oder abgebildet
wird, beispielsweise im Trompe d´oeil, im Foto, im Film oder
in der bildenden Kunst. Bewegung kann im virtuellen architektonischen
Raum – auch im Film – nicht stattfinden.
Ein Objekt befreit sich quasi aus seiner Zweidimensionalität, die es
ihm lediglich erlauben würde, Abbild zu sein. Seine äußeren Begrenzungen
machen es zum autonomen, räumlichen Objekt. Der
Körper selbst ist kein Raum. Er steht vielmehr in ihm, er verdrängt
Raum. Seine Kanten und Flächen bilden nun die Grenzen zum verbleibenden
Raum.
Um Objekte kann der Betrachter herumgehen, er kann sie von allen
Seiten betrachten. Bewegung eröffnet theoretisch unendlich viele
Möglichkeiten einer Wahrnehmung des Objekts, es wird dreidimensional.
Die Wechselbeziehung zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten
umgibt jedes Objekt mit einem diffusen Umraum, einem
Bildraum. Die Intensität der entstandenen Bildräume ist bestimmt
von der Kraft der erzeugten Spannungsfelder, der Dynamik von
Anziehung und Abstoßung und kann von jedem Betrachter unterschiedlich
erlebt werden.
Bildräume – Raumüberlappungen, Raumdurchdringungen – stören
die alte, konstruierte Ordnung des Raums und definieren diesen neu.
Jochen Roemer, Architekt